Analyse einer Entscheidung mit dem Advisory Board

 Ende Januar erschien im Spiegel die Kolumne, „Der ‚Menschenverstand‘ ist ein Schwachkopf. Darin kommentiert der Autor die Entscheidung von Bundesverkehrsminister Scheuer gegen ein Tempolimit auf Autobahnen. Scheuer hatte sein Nein damit kommentiert, ein Tempolimit verstoße gehen jeden Menschenverstand. Ich will anhand dieser

 

Natürlich ist das Nein von Herrn Scheuer noch keine offizielle Entscheidung der Bundesregierung gegen ein Tempolimit, aber sicherlich ist es eine persönliche Entscheidung von Herrn Scheuer. Als Autor interessiere ich mich für die Frage, was wohl genau dahintersteckt. Für die Analysen solcher Entscheidungen nutze ich das Advisory Board.

Wer eine Entscheidung trifft verbindet damit (bewusst oder unbewusst) eines oder mehrere Ziele. Ohne Ziel gibt es keine Entscheidungen. Also frage ich mich als erstes, welche Ziele die Grundlage von Herr Scheuers Entscheidung waren. Dabei muss ich nicht besonders erfinderisch sein. Die Ziele liegen auf der Hand. Ich gehe davon aus, dass Herr Scheuer die gleichen Ziele im Auge hat, die die meisten von uns haben. Wir wollen die Umwelt schonen und dass weniger von uns im Straßenverkehr sterben. Schließlich hat er bei seinem Amtseid geschworen, dem Volk, also uns, zu dienen. Aber als Verkehrsminister muss Herr Scheuer natürlich auch die Interessen der Autoindustrie im Auge haben. Das ist legitim. Nicht ganz so legitim, aber verständlich ist, wenn er auch die Interessen seiner Wähler im Auge hat. Ich trage die Ziele in die entsprechenden Felder des Advisory Board ein.

 

Im nächsten Schritt werden die Optionen festgelegt, die infrage kommen. Auch das ist kein Hexenwerk. Ich schreibe sie auf die Magnettafel.

 

 

Jetzt kommen die beiden entscheidenden Schritte. Wer eine methodisch saubere Entscheidung treffen will, muss jede Option einzeln bewerten. Er muss sie dahingehend bewerten, wie gut sie geeignet ist, die Ziele zu erreichen. Dazu stehen Magnete mit Werten von 1 – 6 zur Verfügung. Ich platziere einen Magneten mit dem Wert „6“ in das Feld, wo das Ziel „Interessen der Autoindustrie“ auf die Option „Kein Tempolimit“ trifft. Das bedeutet, dass diese Option sehr gut geeignet ist, die Interessen der Autoindustrie zu vertreten.  In das Feld, wo das Ziel „Weniger Verkehrstote" auf die Option „Kein Tempolimit“ trifft, platziere ich den Wert „0“, weil die Option überhaupt nicht geeignet ist, das Ziel zu erreichen.

 

Auf diese Art und Weise bewerte ich jede Option für jedes Ziel. Ich unterstelle mal, dass Herr Scheuer mir bei den meisten Bewertungen recht gibt.

 

Auf dieser Basis kann man nun berechnen, welches die beste Option ist. Vorher muss man allerdings die Ziele gewichten. Denn je nach Gewicht, kommen unterschiedliche Ergebnisse bei der Berechnung heraus. Die Gewichtung der Ziele ist vor allem deshalb nötig, weil die Ziele zum Teil in Konflikt miteinander stehen. So ist z. B. das Ziel „Klimaschutz“ kaum mit dem Ziel „Interessen der Autoindustrie“ zu vereinbaren. Dennoch haben beide Ziele ihre Berechtigung. Wie groß ihr Einfluss sein soll, hängt eben von dieser Gewichtung ab. Für die Gewichtung der Ziele verteile ich 10 Punkte. Ich persönlich würde die Ziele „Klimaschutz“ und „Weniger Verkehrstote“ relativ hoch gewichten. Die Interessen der CSU-Wähler müssen mich zum Glück nicht interessieren, deshalb bewerte ich sie mit Null. Natürlich sehe ich auch die Interessen der Autoindustrie, aber ich gewichte sie mit 2,0 geringer, als das Klimaziel oder das Ziel „weniger Verkehrstote“. Um das Ergebnis zu berechnen, muss ich nun die Werte in den Feldern mit den Gewichten multiplizieren und die Ergebnisse der Zeilen addieren. Daraus ergibt sich, dass die Option „Kein Tempolimit“ am wenigsten geeignet ist, die Gesamtheit meiner gewichteten Ziele zu erreichen.


Die Entscheidung ändert sich in Richtung „kein Tempolimit“, je höher man die Ziele „Interessen der Autoindustrie“ und „Interessen der CSU-Wähler“ berücksichtigt. Egal, wie ich es drehe und wende, ich muss Herrn Scheuer unterstellen, dass er einfach nur eine andere Gewichtung der Ziele hat als ich.

 

Es gibt keine andere Erklärung dafür, dass er sich gegen ein Tempolimit ausspricht.

 


Die Methode ist ein grobes Instrument. Das gebe ich gerne zu. Aber sie bildet im Prinzip den Prozess ab, um eine methodisch saubere Entscheidung zu treffen. Man kann sicherlich über die Bewertungen der Optionen streiten. Man kann sie kalibrieren und / oder miteinander in Relation setzen und so zu einer filigraneren, exakteren oder methodisch noch saubereren Entscheidung zu kommen. Aber es wird im Prinzip nichts anderes dabei herauskommen.