Menschenverstand am Tempolimit

Variante 1: Hohes Gewicht für die Interessen "Der Autolobby gerecht werden" und "Wahlklientel befriedigen"
Variante 1: Hohes Gewicht für die Interessen "Der Autolobby gerecht werden" und "Wahlklientel befriedigen"

Ich fahre kein Auto und stehe der Frage nach einem Tempolimit auf Autobahnen nicht nur deshalb neutral gegenüber. Denn es gibt durchaus Argumente dafür, wie dagegen. Was mir allerdings überhaupt nicht passt, ist die Argumentation unseres Verkehrsministers. Nachdem ich heute die Kolumne von Christian Stöcker im Spiegel dazu gelesen habe, war das Thema meines heutigen Blogs klar.

 

Das  Advisory Board ist ein Instrument, das Manager normalerweise dazu nutzen, kreative Lösungen zu entwickeln. Man kann es aber auch nutzen, um die tatsächlichen Hintergründe von Entscheidungen zu analysieren. Die zentrale Frage dabei ist, welche wirklichen Interessen hinter einer Entscheidung stehen. Die möglichen Interessen werden auf der Magnettafel unter der Abszisse der Matrix eingetragen. Wenn ich Verkehrsminister wäre, würde ich zumindest 4 Interessen bei der Festlegung meiner Position zum Tempolimit berücksichtigen. Natürlich auch das Interesse der Autolobby. Das ist ganz legitim. Und natürlich würde ich meine Wähler nicht verprellen wollen. Das ist schon etwas weniger legitim, aber auch ein Verkehrsminister ist nur ein Mensch.

 

Die Optionen sind ziemlich klar. Ich habe sie in die "Was-zu-entscheiden-ist"-Felder eingetragen. Mit den Magnetpunkten von 1 bis 6 bewertet man nun, wie gut eine Option geeignet ist, ein bestimmtes Interesse zu unterstützen. So ist klar, dass in das Feld, wo sich die Option "kein Tempolimit" mit dem Interesse "CO2-Einsparung" schneidet, eine 1 - also der geringste Wert -  gehört. Denn die Option "kein Tempolimit" ist überhaupt nicht geeignet, das Interesse "CO2-Einsparung" zu unterstützen. Entsprechend gehört in das Feld, wo die Option "kein Tempolimit" das Interesse "Der Autolobby gerecht werden" schneidet, der Höchstwert, eine 6, gehört. Diese Art der Bewertung von Optionen widerspricht sicherlich nicht dem gesunden Menschenverstand. Mehr Informationen über die Methode findet man hier->

Variante 2: Hohes Gewicht für die Interessen "CO2 Verbrauch reduzieren" und "EU-Angleichung"
Variante 2: Hohes Gewicht für die Interessen "CO2 Verbrauch reduzieren" und "EU-Angleichung"

Tatsache ist, dass Zielkonflikte dem Verkehrsminister die Entscheidung nicht leicht machen. So steht das Ziel "CO2-Einsparung" durchaus in Konflikt mit dem Ziel "Der Autolobby gerecht werden" und sicherlich auch mit dem Ziel "Wählerschaft befriedigen". Denn man tut der Klientel der CSU sicher nicht Unrecht, wenn man untestellt, dass CSU-Wähler tendenziell mit schnelleren Fahrzeugen unterwegs sind und ein eher geringes Interesse an einem Tempolimit haben.

 

Das Ergebnis der inneren Diskussion mit der Advisory Board-Methode wird wie folgt berechnet: Man multipliziere die Werte in den Feldern mit den Gewichten der Interessen / Zielen und addierre die Werte in den Zeilen. Der entscheidene Aspekt dabei ist das Gewicht, das der Verkehrsminister den Interressen gibt. Das passiert beim Advisory Board durch die Verteilung von 10 Punkten auf die einzelnen Interessen. Je mehr Punkte man den Interessen "Der Autolobby gerecht werden" und "Wahlklientel befriedigen" gibt, umso deutlicher fällt die Entscheidung für "kein Tempolimit" aus Man vergleiche dazu Varianten 1 und 2.

 

Vielleicht noch ein abschließendes Wort zum "gesunden Menschenverstand". Ich stimme Herrn Stöcker durchaus zu, dass der gesunde Menschenverstand ein "Vollidiot" ist. Er wird vor allem beim Bewerten der Optionen aktiv. Hier lauern eine ganze Reihe von Heuristiken, die dazu führen, dass die Bewertung, wie gut eine Option geeignet ist, ein Interesse zu befriedigen, ganz unterschiedlich ausfallen kann. Ein einfaches Beispiel dafür ist der "Confirmation Bias". Mein neigt dazu, die Informationen stärker zu berücksichtigen, die die eigene Einstellung unterstützen, während man die Informationen gerne ignoriert, die ihr widersprechen.  So wird jemand, der / die eher gegen ein Tempolimit ist, die Optionen im Hinblick auf das Interesse "CO2 Einsparung" anders bewerten, als jemand der tendenziell für ein Tempolimit ist. Ganz ähnlich ist es mit dem Interesse "Mehr Sicherheit". Sicherlich ist aufgefallen, dass ich es im Advisory Board außen vor gelassen habe. Denn es scheint bei der Positionierung von Herrn Scheurer keine Rolle zu spielen. Es kann nur am Confirmation Bias liegen, dass, wenn schon das CO2 Thema keine Rolle spielt, nicht wenigstens das Thema Leben schützen, dominant ist. Entweder kennt Herr Scheurer die Daten nicht oder er ignoriert Studien, die eine Halbierung der Unfallzahlen durch ein Tempolimit zeigen. Dieses Argument war gerade Thema eines FAZ Beitrages von Christian Geyer-Hndemith.

Wer sich näher für Heutistiken interessiert, dem sei mein Booklet "18 Entscheidungsfallen des Alltags" empfohlen. Aber ich muss mich gar nicht in diese Tiefen der Verhaltensökonomik begeben, um die tatsächlichen Interessen von Herrn Scheuer zu entlarven. Denn meine Bewertungen sind in beiden Varienten identisch. Sie unterscheiden sich lediglich in den Gewichtungen der Interessen.

 

Wer nach Gründen für Politikverdrossenheit sucht, dem empfehle ich, über diesen Beitrag nachzudenken. Und zwar langsam.  Es spricht nichts dagegen, dass Politiker bestimmte Positionen vertreten. Im Gegenteil. Das Problem ist, dass sie zu gerne die eigentlichen Gründe für ihre Positionen im Dunkeln lassen. Was spricht dagegen, dass Herr Scheurer sagt, ich bin gegen ein Tempolimit, weil ich die Interessen vom BMW höher bewerte, als das allgemeine Interesse zur CO2 Einsparung? Was spricht dagegen, zu sagen, ich glaube , dass dem Klima mit Tempo 130 oder 120 auf unseren Autobahnen wenig gedient ist, weil ich mich auf die Experten berufe, die das bestätigen und anderslautende Hinweise ignoriere. Wenn Herr Scheurer diesen Mut aufbringen würde, würde ich sagen, bravo und danke Herr Scheurer! Jeder wüsste, woran er ist und könnte bei der nächsten Wahl zeigen, ob er diese Position auch vertritt oder nicht. So aber bleibt mir nur, einmal mehr über Politiker die Nase zu rümpfen und mich zu fragen, ob ich nicht auch der nächsten Wahl fernbleiben soll.

 

Peter Jungblut

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