Ist Nähe eine Frage der Entfernung?

Variante 1: Entscheidung bei gleicher Wichtigkeit aller 4 Ziele
Variante 1: Entscheidung bei gleicher Wichtigkeit aller 4 Ziele

Natürlich kann es das sein! Wie man zu einer solchen Entscheidung kommt, zeigt die Abbildung links. Das Advisory Board ist ein Instrument, das ich jedem empfehle, der Entscheidungen gut durchdenken will. Im ersten Schritt schreibe ich unten in die

"Was-ist-(mir)-wichtig-Felder" , was mir im Zusammenhang mit der Beantwortung meiner Frage wichtig ist.

 

Natürlich ist mir Bequemlichkeit wichtig. Ich habe keine Lust in einer Schlange zu stehen und zu genervt zuzusehen, wie Frieda noch eine und noch eine blöde Frage an die Beraterin hat. Aber natürlich ist mir auch eine gute Beratung wichtig. Und ja, ich will auch nicht auf die Apotheke um die Ecke verzichten. Tante Emma Feeling? Ja, seit der Briefträger keine Zeit mehr hat, plausche ich gerne mit dem Apotheker über Risiken und Nebenwirkungen.

 

Im zweiten Schritt schreibe ich auf, was überhaupt zu entscheiden ist. Das ist bei dieser Frage einfach. Ich kenne nur zwei Alternativen.

 

Nun kommt der entscheidende Schritt. Ich bewerte, wie gut die Option "Kauf bei einer Versandapotheke" meinen Wunsch nach "Bequemlichkeit" unterstützt. In das Feld, wo sich diese Option und dieser Wunsch treffen, kommt natürlich ein Magnet mit einer 6. Die 6 ist die höchst mögliche Punktzahl. Entsprechend bekommt die Option "Kauf bei der Apotheke um die Ecke" nur eine 1. Auf diese Weise bewerte ich jede Option im Hinblick auf die Frage, wie gut sie für ein Ziel ist. Bei dem Ziel "Beratung" gebe ich beiden mal eine 3. Damit mag ich so mancher Apotheke unrecht tun, aber, um allen gerecht zu werden, bleibe ich dabei. So platziere ich Magnet für Magnet in jedes Feld, aber ich meine, diese drei Gedanken reichen zur Interpretation meiner Bewertungen aus. Die Werte zeigen meine persönliche Auffassung. Schließlich geht es ja um MEINE Entscheidung, und entsprechend kann jeder bei SEINER Entscheidung seine eigenen Werte eintragen. Übrigens wäre es sicher eine spannende Idee, wie Kunden die Felder bewerten würden, wenn das Advisory Board in der Apotheke hinge.

 

Um zu berechnen, welche Entscheidung nun "rational" ist, addiere ich einfach die Werte in den Zeilen. Und siehe da, der Kauf in einer Versandapotheke befriedigt die Gesamtheit meiner 4 Bedürfnisse am besten. Doch ist das rational? Denn bei dieser Entscheidung unterstelle ich, dass mir alle 4 Bedürfnisse gleich wichtig sind. Das habe ich jedenfalls noch nie bei einer Entscheidung erlebt.

 

 Offenbar gibt es einen Konflikt zwischen dem Ziel "Bequemlichkeit" und den Zielen "Erhalt der Apotheken vor Ort" und "Tante Emma Feeling". Insofern ist es rational, den besten Kompromiss zu finden. Und das geht nur, wenn ich meine Ziele Gewichte. Bei einer rationalen Entscheidung muss ich festlegen, welches Ziel den größten Einfluss auf meine Entscheidung haben soll und wie viel mehr Einfluss es haben soll, als die anderen Ziele. Und ich muss, bevor ich die Werte in den Zeilen addiere, erst einmal diese Werte, also die Magnetpunkte, mit den Gewichten mulitplizieren. Das ist der springende Punkt bei der rationalen Entscheidung, die Berücksichtigung der Gewichte von Zielen. Die beiden Abbildungen unten zeigen zwei unterschiedlichen Varianten, beide sind rational und bei beiden sind die Bewertungen der Optionen identisch. Sie unterscheiden sich lediglich in der Gewichtung der Ziele. Sie machen deshalb klar, dass ich umso eher zur Bevorzugung einer Versandapootheke neige, je wichtiger mit das Ziel "Bequemlichkeit" ist. Dafür muss ich aber auf Dauer in Kauf nehmen, dass sich die Struktur meines Kiezes in Richtung Monokultur verändert. Ich kenne jedenfalls niemanden, der das will.

Variante 2: Entscheidung bei hoher Präferenz für "Bequemlichkeit"
Variante 2: Entscheidung bei hoher Präferenz für "Bequemlichkeit"
Variante 3: Entscheidung bei höherer Präferenz für den Erhalt der Apotheken vor Ort
Variante 3: Entscheidung bei höherer Präferenz für den Erhalt der Apotheken vor Ort

Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, für das ich gerade eine Entscheidung getroffen habe. Aber das sind die allerwenigsten, die ein Rezept einlösen oder Kopfschmerztabletten kaufen. Dennoch treffen Millionen Menschen täglich die Entscheidung, ob sie der Werbung von DocMorris & Co. folgen sollen oder sich lieber die Medikamente und die Apothekenumschau in ihrer Apotheke um die Ecke holen. Sicherlich habe ich bei meiner Analyse das eine oder andere Ziel vergessen oder die eine oder andere Alternative falsch bewertet. Aber es ist nun mal so, dass Heuristiken oder fehlendes Wissen einer rationalen Entscheidung im Wege stehen. Was ich zeigen wollte, ist wie man zu einer Entscheidung kommen kann, die den eigenen Bedürfnissen gerecht wird. Uns mit den Informationen zu versorgen, die wir benötigen, um überhaupt zu wissen, was uns wichtig sein sollte und in der Lage zu sein, Optionen zu bewerten, das ist Aufgabe der Wettbewerber. Wer übrigens mehr darüber wissen will, wie Patienten ticken, dem empfehle ich mein Booklet "Die Entscheidungsfallen des braven Patienten Karl".

 

Noch eine Bemerkung zum Schluss. Ich würde mich freuen, wenn die Politik  uns bei Ihren Grundsatzentscheidungen dass Ergebnis ihres "Advisory Boards" vorlegen würde. Dann könnten nämlich die tatsächlichen Beweggründe für die Entscheidung nicht länger verschleiert werden. Welchen Effekt das hätte, zeige ich in meinem Blogbeitrag  "Menschenverstand am Tempolimit", in dem ich die Position von Verkehrsminister Scheurer (naürlich zum Tempolimit auf Autobahnen) analysiere.

 

Peter Jungblut

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