Über den grob fahrlässigen Umgang mit dem Begriff "Scheitern"

Wenn ich Menschen nach ihrer Meinung zum Thema „Scheitern“ frage, sagen viele, „Scheitern“ sei einfach ein Teil des Lebens und sei ein guter Erfolgs-Lehrmeister. Wenn ich dann frage, ob sie schon einmal gescheitert seien, antworten sie natürlich mit ja. Sie haben ein Projekt gegen die Wand gefahren, wurden nicht versetzt oder sind nicht zum Vorsitzenden ihres Vereins gewählt worden. Aber darf man das „Scheitern“ nennen? Zur Differenzierung der Farbe blau kennen wir 272 Begriffe. Den Begriff „Scheitern“ wenden wir auf alles Mögliche an. Unternehmer, wie z. B. der Gründer des Plattformunternehmen Uber kokettieren in sogenannten Failure-Conferences damit, dass sie bereits mehrfach gescheitert seien, bevor sie richtig durchgestartet sind. Was sie dabei verschweigen ist, dass zum richtigen Zeitpunkt immer jemand mit einem passenden Geldbündel parat stand. Die wirklich gescheiterten, die eigenes Geld investiert und alles verloren haben, was ihnen halt gab, stehen in keinem Rampenlicht. Wer richtig scheitert, wird von der Gesellschaft ausgegrenzt.

 

Wie wir den Begriff „grob fahrlässig“ einsetzen, zeigt der – im wahrsten Sinne des Wortes – Fall des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Am Anfang wurde er wie ein Messias gefeiert, gut ein Jahr später galt er als „grandios gescheitert“. Kaum ein Beitrag in Onlineforen von Zeitungen, wo man durchaus gebildete Leser erwarten dürfte, in dem der Begriff nicht benutzt wurde, meist in Verbindung mit den Zutaten Spott, Schadenfreude, Ironie oder direkten Beschimpfungen. Die Meinungen der Leser spiegeln jedoch im Prinzip nur die Berichterstattung aus den Medien wieder. Das heißt nichts anderes, als dass auch die Meinungsmacher mit dem Begriff „Scheitern“ grob fahrlässig umgehen oder ihn sogar vorsätzlich nutzen, um in die Geschichte einzugreifen, die sie eigentlich nur erzählen sollten.

 

So wird der Begriff emotional hoch aufgeladen und zu einer scharfen Waffe nicht nur gegen diejenigen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Aus dem harmlosen „Wortatom“ wird durch die Verbindung mit Spott, Zynismus, Ausgrenzung, Geringschätzung oder gar Mitleid ein „giftiges Wortmolekül“, das wir in den Cocktail unserer Alltagssprache und in unser Denken mixen. So spielt der Begriff auch eine wichtige Rolle bei der Bildung von Vorurteilen. Wir bezeichnen Projekte als gescheitert, ohne die näheren Umstände zu kennen. Wir erklären Eltern für gescheitert, wenn ihre Kinder „missraten“ sind, auch wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Kinder wahrnehmen. Und selbst auf den kompletten Menschen wenden wir den Begriff an, auch wenn wir so gut wie nichts über denjenigen wissen, den wir als gescheitert abstempeln. Egal, ob wir unsere Meinung äußern und den Giftpfeil abschießen oder sie für uns behalten, der Begriff, nistet sich im Laufe unseres Lebens nach und nach in unseren Denkmustern ein.

 

Wer ihn aktiv anwendet, verletzt; egal ob er seinen Pfeil auf den Vorsitzenden einer Partei, einen Bundespräsidenten oder jemanden abschießt, der nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Schlimmstenfalls kann, wenn er jemanden als gescheitert erklärt, eine Spirale in Gang setzen, die bei dem Empfänger der Botschaft zum freien Fall führt. Man kann sagen, ein Fußballspieler hat einen Elfmeter verschossen oder, er sei gescheitert. Ersteres ist eine sachliche Beschreibung eines Ereignisses, letzteres eine Bewertung des Fußballspielers. Wenn der Fußballspieler auch noch von sich selbst behauptet, gescheitert zu sein, verstärkt sich die Wirkung des Giftes. Denn lange bevor wir den Begriff „Scheitern“ auf oder gegen andere anwenden, wenden wir ihn gegen uns selbst an. Auch wenn wir das Wort selbst noch gar nicht kennen. Wir empfinden uns in unserer Rolle als Kind gescheitert, wenn sich unsere Eltern merkwürdig verhalten. Wir empfinden uns als unvollkommen, defizitär, im schlimmsten Fall als schädlich.

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