Der Tastsinn spielt für das "Begreifen" der Welt in unseren ersten Lebensjahren die entscheidende Rolle. Erst nach und nach erhält er Konkurrenz durch andere Lernkanäle, und spätestens, wenn wir eine Schule besuchen, wird er kaum noch bedient. Heute spielt er als Lernkanal fast nur noch in der Werbung eine Rolle. Haptik und Oberfläche sind besonders bei hochpreisigen Produkten elementar wichtige verkaufsfördernde Eigenschaften. Der Grund dafür, dass der Tastsinn ein höchst effektiver Lernkanal ist liegt in der Funktion des cortico spino-muskulären Systems.

Ich zitiere einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2013 (Nr. 111, S. N1)

 

 

Der Autor. Prof. Dr. Florian Heinen, ist Kinderneurologe am Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Artikel ist entstanden durch Mitarbeit von drei weiteren Hirnforschern: Jens Böhmer vom Queen Silvia's Kinderkrankenhaus an der Universität Göteborg, Inga K. Körte von der Harvard Medical School in Boston und Urban M. Fietzek von der Schön Klinik München Schwabing.

 

 

 Der Zeigefinger: Schlüssel einer neuen Kultur

 

Das Tablet ist keine Erfindung, sondern eine große Entdeckung: Es nutzt die schnellste Verbindung zwischen Information und Hirn, den Zeigefinger. Kinder lernen leichter, Wissen wird zugänglicher.

 

Der Zeigefinger weist den Weg in die Zukunft: Eine neue, im etymologischen Wortsinne digitale (digitus: der Finger) Realität wird durch die Bewegung des Zeigefingers geschaffen. Durch ihn wird Information angefordert, sortiert, grafisch gestaltet, weitergegeben und bei Nichtinteresse wieder weg gewischt. Das "Slide-to-unlock", eingeführt 2005 auf dem iPhone, ist zu einem "Slide-to-knowledge" mit den Tablets geworden. Wir meinen, dass diese neue Realität der Tablet-Computer in ihrem Wesen eben nicht auf eine lineare Weiterentwicklung im Sinne von größer, stärker, schneller oder im postindustriellen Zeitalter kleiner, besser, schneller beschränkt ist, sondern aus dem Zeigegerät Maus das Zeigegerät Finger gemacht hat.

 

Mit der direkten Interaktion des menschlichen Fingers auf dem Tablet-Gerät dürfte ein Quantensprung für die Einbettung von Wissen in unseren Alltag stattfinden. Es ist zwischen Information und Mensch etwas motorisch beteiligt, was ganz nah am Gehirn dran ist was evolutionsbiologisch tief eingebettet ist, und was ontogenetisch früh im Gehirn selbst konstituiert wird ("Nature", Bd.415, S.640): die Bewegung der menschlichen Hand, die Bewegung des menschlichen Zeigefingers und das Zusammenspiel von Zeigefinger und Daumen, der sogenannte Pinzettengriff. Diese neu in die Informationstechnologie eingebettete Berührung von Zeigefinger und Material, dieser überspringende Funke zwischen Zeigen, Berühren und Verfügen kommt der technischen Einlösung des Bildes "Die Erschaffung Adams" von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom gleich.

 

 Wir wollen das mit der Funktionsweise des Gehirns und der Funktionsweise des motorischen Systems begründen, die wir selbst seit den neunziger Jahren untersuchen. Unter dem Schlagwort "conduction proceeds skill" wurde experimentell gezeigt, dass das motorische System im Gehirn sehr früh die Kapazität für besonders schnelle motorische Leistung besitzt, ohne sie allerdings auch schon funktional voll auszunutzen ("Developmental Medicine and Child Neurolology", Bd. 52, S. 1106). Das Gehirn kann schon viel früher viel mehr als lange gedacht. Auch mit den neuesten bildgebenden Methoden wurde das gezeigt ("Frontiers in Neural Circuits"; doi: 10.3389/fncir.2013.00018). Das Tablet ist also eine zum Gehirn passende Erfolgsgeschichte. Insofern ist das Tablet weit eher eine Entdeckung als eine Erfindung.

 

Das Gehirn ist komplex. Es hat Milliarden, im Erwachsenenalter etwa hundert 100 Milliarden Nervenzellen, die ihrerseits Milliarden von Verknüpfungen eingegangen sind, die wiederum alle rhythmisch aktiv sind und mit dieser Aktivität Erregung und Hemmung organisieren. Diese Vorgänge sind so variantenreich, dass die Zahl der hierzu geschriebenen Bücher ebenso unendlich wie uneinheitlich ist. Der eigentliche Sachverhalt Gehirn bleibt dabei so unverstanden, dass man zu vielen Büchern nicht mehr sagen kann als: nett gemacht. In dem komplexen System Gehirn gibt es ein System, welches durch Einfachheit, Direktheit und biologische Höchstgeschwindigkeit imponiert, ein System in dem die unmittelbare Verbindung vom Gehirn zu Motorik realisiert ist: das cortico-spino-muskuläre System zur Hand - zum Zeigefinger. In dieser neuronalen Verbindung zum Zeigefinger, in dieser spezifisch menschlichen Verbindung vom Gehirn zur Zeigebewegung realisiert der menschliche Körper seine früheste feste Verdrahtung, die Myelinisierung, mit Leitungsgeschwindigkeiten von mehr als 55 Metern pro Sekunde. In diesem System etabliert der Mensch durch direkte, monosynaptische Umschaltung die direkteste Verbindung zwischen Hirn und Hand.

 

Es ist die motorische Verbindung im menschlichen Körper, die am nächsten am Gehirn dran ist. Bei der Hand ist es der Zeigefinger, welcher die größte Eigenständigkeit, die größte Freiheit und die tiefste Verwurzelung in unserer Entwicklungsgeschichte hat. Mit dem Finger zeigen, das funktioniert schon vorsprachlich. Lange bevor die Worte Kakao, Becher, Milch, Küche, Regal, Mama und Durst richtig zu einem Satz zusammengesetzt werden können, vermag das eineinhalbjährige Kind präzise seinen konkreten Wunsch seiner Umwelt unmissverständlich mit dem Finger zu vermitteln. Auch der erwachsene Mensch nutzt den Zeigefinger genau dann, wenn es besonders wichtig ist: in der Pädagogik, in der Medizin, in der politischen Ansprache. Die Liste der Beispiele reicht von der kunsthistorischen Ikonographie des Michelangelo bis zur Zeigefingergestik des amerikanischen Präsidenten Obama.

 

Der Zeigefinger wird zum Orientierungsinstrument par excellence, zum digitalen Dirigierstock des für uns erreichbaren Wissens. Auf dem Tablet öffnet der Zeigefinger die passende App, bewegt sich in der Roadmap des Wissens intuitiv an die gewünschte Stelle, vergrößert und verkleinert durch den Pinzettengriff das gewünschte Detail, übergeht es bei Nichtgefallen oder zieht es an einen anderen Ort.

 

Der Zeigefinger erwirbt eine Magie, an der das Wissen buchstäblich haften bleibt, mit der sich Wissen öffnen, anschauen, verwerfen, kopieren, übergehen, suchen und mit der Lupenfunktion noch einmal genauer anschauen lässt. Und es funktioniert: Die noch nicht zweijährigen Kinder können es, die Heranwachsenden können es sowieso (und überholen alle anderen in ihrer Geschwindigkeit), die Eltern und Großeltern können es auch, und selbst diejenigen Großeltern, die bislang den Computer und seine komplexen Mechanismen von Einschalten, Anmelden und Zurechtfinden bewusst gemieden haben, sind nach kürzester Zeit User. Selbst die konservative Buchhändlerin kann es, der Kunde zeigt ihr per Wischbewegung, welche Bücher er will.

 

Die Verunsicherung des klassischen Buchhandels ist vielleicht nicht nur das Bewusstsein einer neuen Technik, auch nicht nur die Tatsache, dass der Markt immer härter umkämpft ist, sondern das intuitive Empfinden, dass hier dem Buch als alleinigem, über Jahrhunderte gewachsener linearer Wissensvermittlung ein Konkurrent entstanden ist, der eben nicht nur das Geschriebene auf technisch andere Weise präsentiert, sondern der die Grenzen des klassisch Geschriebenen selbst ändert. Die Tablet-Welt ist vorsprachlich und damit schneller, intuitiver, unkomplizierter, wirkungsvoller. Sie schafft immer und immer wieder neu die schnellste Verbindung zur Welt des globalen Wissens, die Verbindung zwischen Mensch, Gehirn, Zeigefinger und Information. Das Tablet wird so zum ubiquitären, globalen humanen Instrument.

 

Möglicherweise war es Steve Jobs ernst, als er in seiner letzten, das Tablet vorstellenden Performance (für die er sich, wie sonst auch, über Wochen und Monate vorbereitet hatte) etwas zögerlich gerungen hat mit der Frage, ob es tatsächlich zwischen iPhone und iBook einen Platz für etwas Neues gäbe. Seine Vorstellung des Tablets als ein technisch übersetztes humanes Grundverhalten zwang vielleicht auch Steve Jobs ein Stück Ehrfurcht ab. Vielleicht war ihm, dem Hippie und Visionär, bewusst, dass er hier den Weg einer Entdeckung, nicht den einer technischen Erfindung in die Welt trug. Vielleicht war ihm auch klar, dass Innovation danach noch viel schwerer werden wird.

 

Blickt man zurück auf das, was die Neurophysiologie vom Gehirn, von der Handmotorik und ihrer Nutzung in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen weiß (gar nicht zu sprechen von der Senso-Motorik, bei der Begreifen auch im intellektuellen Sinne immer erst ein reales Begreifen ist und die sensorische Erfahrung voraussetzt), dann bleibt uns nur zu spekulieren, ob in den Fluren in Cupertino in Kalifornien Heerscharen von Neurowissenschaftlern sitzen, die herauszufinden versuchen, was das menschliche Gehirn eigentlich evolutionär noch hergeben könnte.

 

Was wir wissen, ist, dass mit der Kombination von Handmotorik, Zeigefinger und Wissen - realisiert auf dem Tablet - mehr passiert ist, als dass ein neues Karussell auf dem Jahrmarkt der technischen Unnötigkeiten aufgestellt wurde. Wohin das führt, wissen wir nicht. Fasziniert schwindelig werden von dieser Entdeckung kann einem schon.