Der Kalender für bessere Patientenentscheidungen



Patienten haben viele Ratgeber. Jeder weiß etwas oder kennt jemanden, der etwas weiß. Hinzukommen unzählige Impulse aus Foren, Medien oder sonstigen Informationsquellen. Diese Informationsflut führt nicht selten dazu, dass Patienten vom Ufer der Rationalität in die Untiefen des irrationalen Verhaltens gespült werden.

 

Der Kalender für bessere Patientenentscheidungen ist kein weiterer Ratgeber über Erkrankungen und wie man sie behandelt, sondern er zeigt die häufigsten Urteilsfehler, denen Patinenten immer wieder auf den Leim gehen.


Die Abbildung auf der rechten Seite zeigt das erste Kalenderblatt und Buch "Leitfaden für bessere Patientenentscheidungen.

 

Auf dem Kalenderblatt (Sie können das Bild per Klick vergrößern) erkläre ich, warum ich diesen Kalender herausgebracht habe. Der Grund dafür waren eigene Erfahrungen als Patient. Meine Erkrankung hätte mir beinahe das Leben gekostet. Allerdings nicht, weil die Ärzte eine Diagnose falsch gestellt oder eine falsche Therapie angeordnet haben, sondern weil ich im Rahmen dieser Erkrankung eine Menge falscher Entscheidungen getroffen habe.

 

Nach dieser Erfahrung habe ich mit zahlreichen Patienten gesprochen, die ebenfalls ihre Erkrankung durch falsche Entscheidungen verschlimmert, verlängert oder gar unheilbar gemacht haben. Auf Basis dieser Erfahrungen habe ich den "Leitfaden für bessere Patientenentscheidungen" geschrieben. Darin beschreibe ich die Urteilsfehler, die zu meinen eigenen falschen Entscheidungen geführt haben und denen auch viele meiner Interviewpartner auf den Leim gegangen sind.

Die Idee des Kalenders ist, zu zeigen, wie sich Entscheidungen im Alltag auf die kleinsten Bausteine unseres Körpers, die Zellen, auswirken und zu Erkrankungen führen können. Die Abbildung zeigt einen Insulinrezeptor. Er sorgt dafür, dass Zuckermoleküle in Form von Glukose in die Zelle gelangen und sie mit Energie versorgen können.

 

Der Rezeptor ist aber nicht wie üblich dargestellt, sondern als Insel in einem wunderschönen Meer. Die Glucosebausteine schwimmen wie Schiffe auf die Insel zu. Wenn der Rezeptor defekt ist, bleiben die Schiffe auf dem Meer und der Blutzuckerspiegel steigt.

 

Eine Ursache für das Entstehen eines Diabetes sind falsche Entscheidungen. Die Ursache für falsche Entscheidungen ist selten, dass uns Informationen fehlen. Viel häufiger gehen wir Fehlern beim Beurteilen einer Information auf den Leim. Das Schild auf dem Kalenderblatt weist auf einen typischen Urteilsfehler beim Entstehen eines Diabetes hin. Klicken Sie auf das Bild und lesen Sie, was unter dem Schild steht.

Diese Urteilsfehler werden im Kalender thematisiert

Die Affektheuristik

Wenn uns eine Idee sympathisch ist, neigen wir dazu die Risiken auszublenden und den meist kurzfristigen Nutzen zu hoch zu bewerten. Die Affektheuristik lauert, wenn zu viele Emotionen bei einer Entscheidung im Spiel sind. Tipp: 5 Minuten mit der Entscheidung warten.

Die Simulationsheuristik

Wenn wir auf Basis der Simulationsheuristik eine Entscheidung treffen, fragen wir uns, wie gut wir uns vorstellen können, dass dieses oder jenes passiert, wenn wir etwas bestimmtes tun oder unterlassen. Der Urteilsfehler bei der Simulationsheuristik besteht darin, dass unsere Vorstellungskraft überhaupt nichts damit zu tun hat, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich etwas ist.

Die Verlustaversion

Über den Verlust von 100 Euro ärgern wir uns mehr, als wir uns darüber freuen, wenn wir den gleichen Betrag z. B. auf einer Parkbank finden. Das ist nicht besonders rational, weil es sich um den gleichen Betrag handelt. Wenn Patienten z. B. den Beipackzettel eines Arzneimittels lesen, neigen sie dazu, die möglichen Nebenwirkungen als Verlust zu bewerten und die Wirkungen als Gewinn.

Die Optimistische Verzerrung

Ein gesunder Optimismus ist zweifellos hilftreich, um eine Erkrankung zu bezwingen. Eine Optimistische Verzerrung liegt dann vor, wenn es für den Optimismus keinen guten Grund für das Maß an Optimisus gibt, dass er an den Tag legt. Das Risiko ist, dass Patienten, dazu neigen, zu lange auf weniger effektive Heilmethoden zu setzen und damit ein Fortschreiten der Erkrankung begünstigen.

Die Kontrollillusion
Die Kontrollilluison kann man gut bei Würfelspielern beobachten. Sie neigen dazu, die Würfel zu schmettern, wenn sie eine hohe Zahl benötigen und sanft kullern zu lassen, wenn eine niedrige Zahl erwürfelt werden soll. Die Kontrollillusion hält viele Patienten davon ab, rechtzeitig zum Arzt zu gehen, weil sie der Überzeugung sind, das Problem auch ohne Hilfe in den Griff zu bekommen. Typisch bei Depressionen.

Die Repräsentativitätsheuristik
Wir neigen dazu unsere Entscheidungen an Vorbildern zu orientieren. Wenn ein Freund seinen Krebs mit einem Naturheilverfahren besiegt hat und wir der Schulmedizin gegenüber kritisch eingestellt sind, neigen wir dazu, dem Freund zu folgen. Was wir dabei leicht außer Acht lassen, ist die Häufigkeit (oder die Seltenheit), mit der solche Verfahren bei solchen Erkrankungen tatsächlich erfolgreich sind.

Die Selbstbestätigungsfalle (Confirmation Bias)
Wir neigen dazu, Informationen zu glauben, die unser Voruteil bestätigen und solche zu ignorieren oder gar zu diskreditieren, die in eine andere Richtung zeigen. Die Selbstbestätigungsfalle ist häufig im Spiel, wenn Patienten den falschen Ratgebern folgen.

Die Gewohnheitsfalle
Wenn wir vor den Entscheidung stehen, unseren bisherigen Weg fortzusetzen oder einen neuen Weg einzuschlagen bewerten wir (oft unbewußt) die Chancen und die Risiken bei der Wege. Die Gewohnheitsfalle beschreibt das Phänomen, dass wir dabei das Risiko des neuen Weges systematiisch überschätzen. Die Gewohnheitsfalle hält uns z.B. in Beziehungen, die längst gescheitert sind - auch zu Ärzten.

Die Verfügbarkeitsheuristik
Wenn wir uns über einen Sachverhalt informieren, neigen wir dazu, Informationen zu nutzen, die leicht verfügbar sind. Insbesondere, wenn sie unser Urteil / Vorurteil bestätigen, machen wir uns selten die Mühe, tiefer zu graben.

Die Rückschaukorrektur
Es gibt einen Unterschied zwischen den Erfahrungen, die wir tatsächlich gemacht haben und den Erinnerungen an diese Erfahrungen. Wir bewerten nicht die Erfahrung, sondern die Erinnerung und neigen dazu, die Erfahrung beim Blick in den Rückspiegel der Zeit zu unseren Gunsten zu korrigeren. Das führt häufig zu falschen Entscheidungen in der Gegenwart.

Der Ankereffekt
Bei einem Plädoyer vor Gericht ist der Staatsanwalt zuerst an der Reihe. Clevere Staatsanwälte fordern eine überhöhte Gefängnisstrafe für den Angeklagten. Mit der Zahl, die sie in den Gerichtssaal stellen, setzen sie einen Anker. Studien zeigen, dass selbst Richter gegen Anker nicht immun sind und dass Anker der Orientierungspunkt für Urteile sind. Auch Patienten lassen sich von Ankern beeinflussen. 

Der Primingeffekt
Ähnlich wie der Ankereffekt ist auch der Primingeffekt ein Impuls von außen, dem wir uns kaum entziehen können. "Primes" sind Reize, die in unserem Gehirn bestimmte Assoziationen auslösen, die unsere Entscheidungen beeinflussen können. Dabei müssen die Primes (wie auch die Anker) nicht einmal in einem Zusammenhang mit der Entscheidung stehen, um die es gearde geht.