Per Klick auf ein Buch kommen Sie zur Buchbeschreibung.


Warum wir gute Vorsätze oft nicht einhalten? Eine etwas andere Antwort

Regelmäßig zum Jahresende formulieren Millionen Menschen, was sie im kommenden Jahr anders oder besser machen wollen. Mehr Sport treiben, gesünder leben oder weniger CO2 verbrauchen stehen ganz oben auf den Listen. Die meisten stellen allerdings recht bald ernüchternd fest, dass es wieder einmal beim guten Willen geblieben ist. Wenn man die einschlägigen Artikel im Internet über dieses Problem liest, schreiben alle das gleiche, und alle schreiben von einander ab. Ich habe eine etwas andere Antwort auf diese Frage.

 

Die Antwort, dass der Mensch halt ein „Gewohnheitstier“ sei, ist zu einfach. Natürlich hören wir sie gerne, denn sie liefert uns die Absolution für unsere Sünden und reinigt unser Gewissen. Was wir zu gerne ignorieren, ist, dass wir nichts tun, ohne vorher die entsprechende Entscheidung getroffen zu haben. Wer z. B. abnehmen will und trotzdem im Kaffee das leckere Stück Kuchen bestellt, das ihn vom Nachbartisch anlacht, tut dies nicht, ohne vorher die entsprechende Entscheidung getroffen zu haben. Die Antwort auf die Frage, warum er das tut liefert uns die Wissenschaft, die als „Verhaltensökonomik“ bezeichnet wird.

-> Buch kaufen

Eines ihrer zentrale Forschungsfelder sind die sogenannten Heuristiken. Heuristiken sind eigentlich eine geniale Erfindung der Evolution, eine Art „automatische Entscheidungshilfe“ im Kopf. Sie helfen uns, mit möglichst geringem Aufwand möglichst gute Entscheidungen zu treffen. Vermultich hat die Evolution allerdings nicht damit gerechnet, dass wir einmal in einer Welt des Überflusses leben, in der es „rational“ ist, weniger zu essen, als was gerade verfügbar ist. Die Heuristik, die z. B. wirksam ist, wenn ich, der eigentlich abnehmen will, den Kuchen bestelle, ist die sogenannte Affektheuristik. Sie beschreibt das Phänomen, dass ein emotionaler Eindruck (in diesem Fall des leckere Stück Kuchen) die Bremsen unserer Vernunft löst. Wir sehen nur noch den kurzfristigen Nutzen, den uns der Kuchen bringen mag und ignorieren den möglichen Schaden, den er mit sich bringt. Diese Überbewertung des Nutzens bei gleichzeitiger Unterbewertung des Risikos führt dann leicht zu Entscheidungen, die wir schon kurz danach bereuen.

 

Daraus ergeben sich zwei Fragen. Die eine ist, welche Rolle Heuristiken bei unseren guten Vorsätzen spielen. Die andere ist, wie man die Heuristiken erkennen kann, die uns zu falschen Entscheidungen verleiten. Die Antwort auf die zweite Frage würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Deshalb verweise ich auf mein Buch „Entscheidungsfallen im Alltag“, in dem ich 18 typische Fehlentscheidungen auf das Wirken von Heuristiken hin beleuchte.

 

Antworten auf die erste Frage bieten zwei typische Heuristiken, die bei der Formulierung guter Vorsätze häufig ihre Finger im Spiel haben. Die eine ist die „Optimistische Verzerrung“. Sie unterscheidet sich von einem gesunden Optimismus in dessen Dosierung. Die andere ist die Kontrollillusion. Man kann sie gut bei Würfelspielern beobachten, die die Würfel härter werfen, wenn sie eine höhere Zahl benötigen und sanfter, wenn eine kleine Zahl erwartet wird. Wir überschätzen ganz einfach unseren Einfluss, den wir auf den Lauf der Dinge haben und neigen zu irrationalen Entscheidungen bei der Durchsetzung unseres Einflusses.

 

Was kann man also tun, wenn es um gute Vorsätze geht? Meine Empfehlung ist, zunächst einmal aus dem Plural einen Singular zu machen. Denn mit einem guten Vorsatz haben wir meistens schon genug zu tun. Die zweite Empfehlung ist mehr Achtsamkeit beim Entscheiden. Denn oft sind wir uns unserer Entscheidungen gar nicht bewusst oder wir ignorieren, dass wir gerade gegen unsere eigentlichen Interessen entscheiden wollen. Wenn wir eine Entscheidung treffen wollen, die wir sehr wahrscheinlich im Nachhinein bereuen, meine dritte Empfehlung, sollten wir sie erst einmal auf Eis legen. Über Max Planck wird berichtet, dass er die Entscheidung zur Veröffentlichung seiner Theorie über das Planck‘sche Wirkungsquantum ein ganzes Jahrzehnt lang verzögerte. Immerhin stellte sie unser komplettes Weltbild auf den Kopf und ebnete letztendlich der Atombombe und den digitalen Errungenschaften den Weg, die wir heute so lieben oder so bedauern. Wer den Kuchen essen will, muss nicht 10 Jahre warten. In solchen Fällen reichen oft schon 5 Minuten, um die Frage zu vergessen, was man überhaupt entscheiden wollte.