Warum wir aus unseren Fehlern oft nichts lernen

Es wird immer wieder behauptet, Scheitern sei ein wichtiger Teil unseres Lebens. Die Anhänger dieser Behauptung gehen wie selbstverständlich davon aus, dass wir aus unserem Scheitern die richtigen Konsequenzen ziehen und daraus lernen. Wo diese Überzeugung besonders herumgereicht wird, ist die Startup-Szene. Das Problem dabei ist, es fehlt die Evidenz. Die einzige Studie dazu stammt von Ökonomen um den Harvard-Professor Paul Gompers. Sie kommen darin zu dem Schluss, dass gescheiterte Unternehmer bei ihrem zweiten Versuch nicht besser abschneiden als Anfänger.

Wenn schon Unternehmer nichts aus ihrem Scheitern lernen, wie ist es dann bei dem Rest der Gesellschaft? Was lernen wir tatsächlich aus den Niederlagen des Alltags, die das Leben in Hülle und Fülle mit sich bringt? Ich bin als Unternehmer zwei Mal gescheitert und kann aufgrund eigener Erfahrungen sagen, dass die Situationen häufig zu unterschiedlich sind. Erfahrungen sind nicht einfach übertragbar. Was in dem einen Fall richtig sein kann, kann in dem anderen falsch sein.

 

Der eigentliche Grund, warum wir aus unserem Scheitern nichts lernen, liegt aber in den Filtern unserer Wahrnehmung. Wenn wir uns ein Urteil über einen Sachverhalt bilden, gehen wir nach drei unterschiedlichen Prinzipien vor. Das sicherste Prinzip kennen wir von Gerichten. Der Richter sammelt alle relevanten Informationen, bewertet sie und wägt sie gegeneinander ab. Erst dann fällt er, oft nach monatelanger Vorbereitung, sein Urteil. Demgegenüber steht die Willkür. Wir entscheiden nach Lust und Laune. Dazwischen liegt das Heuristik-Prinzip. Heuristiken sind eine Art Daumenregel, die uns helfen, mit möglichst geringem Aufwand möglichst gute Entscheidungen zu treffen. Sie sind vergleichbar mit einer unscharfen Brille, die uns genau das sehen lässt, was wichtig ist und alles unwichtige unscharf lässt. In dieser Form sind Heuristiken eine geniale Erfindung der Evolution.

Aber in dieser Stärke liegt auch ihr Risiko. So macht es uns die unscharfe Brille leicht, uns selbst etwas vorzumachen, z. B. bei der Reflektion über unser Verhalten. Deshalb spielen Heuristiken eine wesentliche Rolle dabei, wenn wir aus unserem Scheitern nichts lernen. Sie führen zu verzerrten Wahrnehmungen und zu falschen Rückschlüssen. Exemplarisch will ich an dieser Stelle vier typische Heuristiken vorstellen:

Die Rückschaukorrektur wurde erstmals 1975 von Baruch Fischhoff an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh untersucht. Wir neigen dazu, unsere Rolle bei Ereignissen, die wir im Rückspiegel der Zeit betrachten, so zu korrigieren, dass wir dabei möglichst gut aussehen. Die Rückschaukorrektur ist eines der größten Hindernisse des Lernens aus Fehlern.


Die Selbstbestätigungsfalle beschreibt das Phänomen, dass wir beim Bilden eines Urteils solche Informationen bevorzugen, bzw. höher bewerten, die unser Vorurteil bestätigen und solche ignorieren, die ihm widersprechen. Wer aus seinen Fehlern lernen will, muss den Confirmation Bias erkennen und überwinden.


Eine Heuristik, die ebenfalls zu falschen Beurteilungen von Situationen führen kann und häufig mit der Selbstbestätigungsfalle interagiert, ist die Verfügbarkeitsheuristik. Wir neigen dazu Informationen stärker zu berücksichtigen, die leicht verfügbar sind und machen uns nicht die Mühe, tiefer zu graben - vorausgesetzt, die Informationen an der Oberfläche bestätigen unser Vorurteil.


Die Gültigkeitsillusion macht das Quartett der Urteilsheuristiken komplett. Wir neigen zu der Annahme, dass wir über ausreichend Informationen verfügen, um uns ein Urteil bilden zu können. Die Lücken füllen wir mit Informationsbausteinen, die wir selbst konstruieren. Und zwar so, dass sie in das Bild passen, das uns gefällt.


Vom falschen Urteil aufgrund verzerrter Wahrnehmungen zur falschen Entscheidung ist es nur ein kleiner Schritt. Mehr über schlechte Entscheidungen erfahren Sie hier ->